Wer wird “Europameister”?

Während unserer Berichterstattung auf Stadionluft.de wurden es zu Zeiten der WM-Qualifikation zunehmend mehr Mannschaften, die ihr Ticket nach Deutschland lösten. Wir durften Trinidad und Tobago aus der Karibik, Ecuador aus den Anden oder Australien von Down Under begrüßen. Jetzt sind mittlerweile 23 von 31 Turniertagen absolviert und aus einem ehemals noch bunten 32er Feld ist ein Quartett geworden und die vier verbliebenen Länder gehören alle dem alten Europa an: eines aus Mittel-, drei aus Südeuropa. Nun wird erstmals spielplanhälften-übergreifend gespielt.

Dass erneut kein afrikanisches Team den Sprung ins Halbfinale schaffen würde, war abzusehen und dafür ist frühestens 2010 in Südafrika die Zeit gekommen, doch der südamerikanische Abgesang im Viertelfinale überrascht die Fußballexperten. Kaum einer hätte damit gerechnet, dass die als Topfavorit gehandelten Brasilianer nach einer verdienten Niederlage gegen Frankreich ihr schlechtestes Abschneiden bei einer Weltmeisterschaft seit ihrem Achtelfinalaus 1990 gegen Argentinien erleben würden. Eben jene Argentinier dagegen warten seit dem zweiten Platz von vor 16 Jahren überhaupt auf eine Halbfinalteilnahme. Somit fahren beide Finalisten des Confed-Cups von 2005 vorzeitig nach Hause, einzig die DFB-Elf ist von den Teams bei dieser WM-Generalprobe noch dabei. Es wird auch 48 Jahre nach den Titelkämpfen in Schweden 1958 (Brasilien gewann das Finale gegen den Gastgeber) keinen zweiten nichteuropäischen Triumph auf europäischem Boden geben. Dabei spielen nahezu alle brasilianischen wie auch argentinischen Stars bei europäischen Clubs.

Lediglich noch vier Mannschaften spielen in nicht mehr als noch vier Spielen den neuen Weltmeister aus, was uns nicht weiter traurig stimmen sollte, hat doch auch die deutsche Elf nach einem WM-Rekord mit fünf Siegen in Folge die Möglichkeit, noch zwei weitere folgen zu lassen und am 9. Juli ihren vierten Titel zu gewinnen. Eine Vorschlussrunde nur mit Europäern, das hat es zuletzt 1982 bei der WM in Spanien gegeben, als Italien letztmalig Weltmeister wurde und davor 1966 bei Portugals – mit Platz drei – größtem Erfolg. Die Portugiesen sind anno 2006 das einzige ungesetzte Team in der Runde der letzten Vier und hätten bereits in der Vorrunde gegen einen der anderen Semifinalisten gelost werden können. Ersetzt man im Übrigen Deutschland durch die Niederlande, bekommt man das Halbfinale der Europameisterschaft von 2000. Seinerzeit bestritten Portugal und Frankreich, die bei WMs noch nie aufeinandertrafen, in Brüssel ihr zweites Pflichtspiel gegeneinander, bei welchem die Equipe Tricolore mit 2:1 per Golden Goal das bessere Ende hatte. Behalten die Blauen auch in München die Oberhand, stehen sie, von der Fachwelt in der Vorrunde als “Rentnerband”, die ihren Zenit überschritten zu haben schien, verspottet, vor dem zweiten Titelgewinn nach 1998. Unterliegt Deutschland am Dienstag Angstgegner Italien, das in der WM-Historie noch nie besiegt werden konnte, wäre dies zugleich die erste deutsche Länderspielniederlage im Dortmunder Westfalenstadion und zudem stünde ein zweites Mal nach dem Zweiten Weltkrieg (1978 schlug Argentinien die Niederlande im Finale) weder Deutschland noch Brasilien im Endspiel. Hoffen wir, dass es soweit nicht kommt.

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