Italien - Australien 1:0

Italien

Italien steht nach einem 1:0 gegen Australien im Viertelfinale der WM. In Kaiserslautern hatten die Südeuropäer lange Zeit viel Mühe mit dem Außenseiter, der 90 Minuten lang ein 0:0 hielt. Nach einer Roten Karte gegen Matarazzi in der 51. Minute musste Italien fast eine Halbzeit lang mit einem Mann weniger auskommen. Die Verlängerung war schon so gut wie beschlossene Sache, als Schiedsrichter Medina Cantalejo den Blauen einen mehr als fragwürdigen Foulelfmeter zusprach, nachdem Grosso über den am Boden liegenden Neill gestolpert war. Totti verwandelte in der Nachspielzeit zum 1:0.

Fragwürdiger Last-Minute-Elfer bringt Italien ins Viertelfinale – Australien kann aus Überzahl kein Kapital schlagen

Bei kaum einem anderen Achtelfinal-Duell, von Brasilien gegen Ghana einmal abgesehen, schienen die Rollen so eindeutig verteilt zu sein. Auf der einen Seite Italien – bei Welt- oder Europameisterschaften per se Titelfavorit und auch diesmal von vielen Experten hoch gehandelt. Demgegenüber stand Australien, das sich erstmals in seiner Geschichte für ein WM-Achtelfinale qualifizieren konnte. Dies gelang in überzeugender und teilweise spektakulärer Manier. Zum Auftakt wurde gegen Japan ein 0:1-Rückstand in der Schlussphase noch in ein 3:1 verwandelt, gegen Kroatien schaffte die Hiddink-Elf in einem denkwürdigen Spiel trotz zweimaligem Rückstand ein 2:2. Die einzige Niederlage gab es gegen Weltmeister Brasilien. Italien setzt sich in der Gruppe E gegen Ghana, die USA und Tschechien durch und stieg als Gruppenerster ins Achtelfinale auf. Italiens Trainer Marcello Lippi ließ Totti und Toni zunächst auf der Bank schmoren, del Piero und Camoranesi rückten in die Startelf. Der angeschlagene Innenverteidiger Nesta wurde von Materazzi ersetzt. Auch auf Seiten der Australier gab es im Vergleich zum Spiel gegen Kroatien drei Änderungen. Kalac verlor nach seinem katastrophalen Patzer seinen Posten im Tor wieder an Schwarzer. Für die gesperrten beziehungsweise verletzten Emerton und Kewell durften Bresciano und Wilkshire von Beginn an ran.

Die erste Szene gehörte den Australiern: Chipperfield setzte sich auf der rechten Seite durch und suchte den Kopf von Tim Cahill, der in der Mitte knapp verpasste (2.). Die Socceroos schienen nicht gewillt, sich hinten reindrängen zu lassen und das Feld den Italienern kampflos zu überlassen. Die Blauen mussten ihrerseits aber auch nicht lange auf die erste Einschussmöglichkeit warten. Del Piero flankte auf Toni, der bei dieser WM noch torlose Angreifer konnte seine persönliche Bilanz aber nicht aufpolieren und verfehlte den Kasten (4.). Ein Schussversuch von Gilardino, den Perotta eingeleitet hatte, konnte gerade noch abgeblockt werden (12.). Es war eine muntere Anfangsphase im Fritz-Walter-Stadion, die hinsichtlich Torchancen zwar von den Italienern dominiert wurde, in der sich Australien aber keineswegs versteckte und davon profitierte, dass man im Mittelfeld tatsächlich den nötigen Raum zum Kombinieren gewährt bekam. Nach und nach verpuffte der anfängliche Elan auf beiden Seiten und das Geschehen kam etwas zur Ruhe, freilich nicht ohne die ein oder andere weitere Torraumszene zu bieten. Pirlo spielte aus dem Mittelkreis einen Traumpass auf Toni, der das Spielgerät mustergültig annahm, sich um seinen Gegenspieler drehte und Schwarzer aus kurzer Distanz alles abverlangte (22.). Auf der anderen Seite kam Chipperfield nach einem Freistoß von Bresciano an den Ball und zwang Buffon zu seiner ersten Parade an diesem Nachmittag (30.). Es war die beste Chance der Australier in der ersten Halbzeit, die hinsichtlich Tormöglichkeiten eindeutig der Squadra Azzura gehörte. Besonders Toni trat ein ums andere Mal in Erscheinung, agierte im Abschluss aber unglücklich. Perotta legte per Kopf vor dem Tor quer, der Fiorentina-Stürmer köpfte von zwei Grün-Gelben bedrängt aus kürzester Distanz drüber (34.). Kurz darauf schlüpfte Toni in die Rolle des Vorbereiters: Er verlängerte eine Flanke auf Gilardino, der einen Schritt zu langsam war um entscheidend an den Ball zu kommen (40.). Eine Führung der Italiener zur Pause wäre angesichts der Spielanteile verdient gewesen, die Schwächen im Abschluss verhinderten diese.

Zur zweiten Halbzeit brachte Lippi Iaquinta für Gilardino ins Spiel. Die Partie ging aber zunächst weiter, wie sie vor der Pause aufgehört hatte – mit einer Chance für die Italiener: Wieder war es Toni, der an den Ball kam, aber wiederum war er zu hektisch und verfehlte aus zehn Metern das Tor (49.). Wenig später mussten die Südeuropäer einen herben Verlust hinnehmen. Materazzi stoppte den durchbrechenden Bresciano (50.) – zwar ohne dabei den Ball zu spielen, allerdings war der Inter-Verteidiger auch nicht letzter Mann. Die Entscheidung von Schiedsrichter Cantalejo, den Italiener mit Rot vom Platz zu stellen, war überzogen. Lamentieren half dennoch nichts, der Favorit musste von nun an zu zehnt auskommen. Lippi reagierte und brachte Barzagli für den glücklosen Toni, Iaquinta musste in vorderster Front alleine zurechtkommen. Dass dies nur mittelmäßig gelang, lag zuvorderst an der nun sehr zurückhaltenden Herangehensweise der Italiener. Die Squadra Azurra formierte sich tief in der eigenen Hälfte und machte es Australien fast unmöglich, Lücken in der dicht gestaffelten Defensive zu finden. Die nummerische Unterlegenheit wirkte sich nur teilweise nachteilig aus, weil die Jungs aus Down Under zwar kämpften und den Weg nach vorne suchten, aber kaum Einschussmöglichkeiten herausspielten. Chipperfield gab einen alles in allem harmlosen Schuss ab, der Buffon vor keine Probleme stellte (59.). Die beste Chance der Socceroos hatte Cahill, der eine Ecke von Bresciano knapp drüberköpfte (81.). Mehr durch Zufall hatte Iaquinta kurz vor dem Ende die Führung auf dem Fuß, nachdem die Australier das Spielgerät in drei Versuchen nicht aus dem Sechzehner befördern konnten, er überwand Schwarzer aber nicht (87.). Die Verlängerung schien beschlossene Sache zu sein – doch dagegen hatte der Unparteiische Medina Cantalejo etwas einzuwenden. Der Spanier, der eine der bis dahin unterirdischsten Schiedsrichterleistungen des Turniers ablieferte, schenkte Italien einen Elfmeter. Grosso hatte Neill mit einem Haken aussteigen lassen. Der Verteidiger lag schon längst am Boden, als Grosso bei ihm einfädelte und theatralisch zu Boden sank. Anstatt den mit Gelb vorbelasteten Italiener für seine plumpe Schwalbe des Feldes zu verweisen, deutete Cantalejo auf den Elfmeterpunkt. 94:23 zeigte die Uhr an, als der eingewechselte Totti antrat und unhaltbar für Schwarzer ins aus seiner Sicht linke obere Eck traf.

In sprichwörtlich letzter Minute sicherte sich Italien den Einzug ins Viertelfinale und ersparte sich 30 zusätzliche Minuten. Australien erlebte den bittersten aller möglichen Abgänge bei dieser WM, trotzdem darf man in Down Under stolz auf die Mannschaft sein. Nach dem von vielen nicht erwarteten Überstehen der Vorrunde bot das Team auch dem hohen Favoriten Italien über weite Strecken Paroli. Ausschlaggebend war letzten Endes, dass die Hiddink-Elf aus der 40-minütigen Überzahl zu wenig Kapital schlagen konnte. Italien wartete ab, verlegte sich aufs Kontern und wurde dafür belohnt. Dem Spielverlauf nach geht das 1:0 in Ordnung, die Umstände aber hinterlassen einen mehr als faden Beigeschmack. Gegner der Italiener im Viertelfinale ist nun der Sieger aus dem Duell Schweiz-Ukraine, der am Abend in Köln ermittelt wird.

26. Juni 2006 - Christian Linner

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