Deutschland - Schweden 2:0

Deutschland

Auch das vierte der erhofften sieben Spiele wurde gewonnen, Deutschland schlägt überragend ein konsterniertes Schweden mit 2:0. Von Beginn an machte die Klinsmann-Elf Druck, ging mit Hilfe des begeisternden Miroslav Klose durch zwei Tore von Lukas Podolski in Führung und überzeugte mit starkem und disziplinierten Kombinationsfußball gegen den dezimierten Gegner. Nach dem Wechsel wurde das Tempo rausgenommen, Schweden hatte per Foulelfmeter die Chance zum Anschluss, doch symptomatisch für die Leistung der Skandinavier schoss Larsson drüber. Am kommenden Freitag wartet nun der Gewinner aus Argentinien gegen Mexiko in Berlin auf die deutsche Auswahl.

Einzig das dritte Tor will nicht gelingen

Nach nahezu schadlos überstandener Vorrunde begann für die deutsche Elf heute die zweite Turnierphase, im Achtelfinale wartete Schweden auf die Klinsmänner. Mit einem knappen Sieg über Paraguay und zwei Unentschieden gegen Trinidad und England bekleckerten sich die Skandinavier in Gruppe B nicht gerade mit Ruhm, viel war noch nicht zu sehen von der aggressiven Spielweise und dem starken Sturm mit Larsson, Ljungberg und Ibrahimovic. Möglicherweise veranlasste dies die Schweden, vor dem Spiel gegen den Gastgeber leise Töne anzustimmen, denn in jedem Interview wurde von Deutschland geschwärmt und immer wieder betont, welche schweres Spiel nun warten würde. Möglicherweise war das aber auch alles nur Attitüde, um den Gegner ein wenig einzulullen, denn auf’m Platz ist immer noch entscheidend und da lief heute in der Münchner – psst, FIFA, jetzt bitte weggucken: Allianz-Arena die Bestbesetzung auf, Coach Lagerbäck konnte also aus den Vollen schöpfen. Auf der anderen Seite sah dies nicht anders aus, hier kehrte Metzelder nach überstandener Bänderdehnung für Huth ins Team zurück, der Rest der Startformation dürfte hinreichend bekannt sein. Deutschland gegen Schweden – das Traditionsduell konnte beginnen, das Stadion war – unnötig zu erwähnen – ausverkauft, an der Pfeife der sehr theatralisch leitende Carlos Simon aus Brasilien.

Ganz Deutschland bangte von 17:00 Uhr an mit seinen Jungs, schon um 17:04 Uhr löste sich dieses Bangen in grenzenlosen Jubel auf. Deutschland setzte die Schweden von Beginn an unter Druck, der Ball kommt von Ballack auf Klose, der aber an Isaksson scheitert, Podolski kommt an den Ball und drischt das Leder abgeklärt in die Maschen – besser hätte es nicht losgehen können. Jetzt war Schweden natürlich nicht nur gefordert, sondern vor allem mal ordentlich nervös, Deutschland nutzte diese Verwirrung in kreative Angriffe über eine Vielzahl an Stationen, immer wieder Klose macht vor Isaksson Druck, sein Partner Podolski hingegen spielte den Vollstrecker. Erst in der siebten Spielminute, da geht der Ball aber knapp drüber, dann aber in der zwölften Minute das zweite Tor für den Bald-Bayer. Klose macht alles richtig, wird fast schon brasilianisch in Szene gesetzt, quert an der Strafraumgrenze und zieht drei Gegenspieler auf sich, Podolski steht so in der Mitte frei, bekommt mit einem Traumpass den Ball und fackelt erneut nicht lange. Nach einer Viertelstunde stand es so bereits 2:0 für Deutschland, nichts zu sehen vom schweren Gegner, der uns alles abverlangen würde. Jetzt ist es so, dass ein Berichtautor nicht in Euphorie verfallen sollte und die Dinge etwas nüchterner zu betrachtet hat, doch das fällt angesichts der ersten Halbzeit dann doch arg schwer und ist zum Scheitern verurteilt. Deutschland spielte schlicht überragenden Offensivfußball, hatte dabei aber auch leichtes Spiel, denn der Gegner hatte erhebliche Angst vor den Klinsmann-Kickern und ließ so jedem einzelnen von ihnen mindestens drei Meter Raum.

So katapultierte sich die Ballbesitzquote auf fast 70% schon nach 20 Minuten, es entstanden nie für möglich gehaltene Szenen auf dem Platz, so schossen schwedische Abwehrspieler den Ball unbedrängt bereitwillig ins Toraus, wenn sie nur von Weitem ein leises „Buh“ von Miroslav Klose vernommen haben – und der ist ja nun wirklich nicht der Inbegriff von böse. Man spielt immer so gut, wie der Gegner es zulässt, und an diesem Nachmittag ließ der Gegner eine ganze Menge zu, was aber nicht die Leistung unserer Elf schmälern soll. Der Ball rollte kontrollierte durch die Reihen, der Zug zum Tor war fast erschreckend und bis auf Arne Friedrich, der seine Defensivrolle erneut offensiv zu interpretieren versuchte, dabei aber scheiterte und so Schneider vermehrt seiner Aktivkraft beraubte, spielten die Elf auf dem Platz bestmöglichen Fußball. Gäbe es dafür noch eine Steigerung, so hätte sie Klose verdient, denn der Bremer beackerte nahezu die gesamte Schweden-Hälfte und eroberte sich so ziemlich jeden Ball, hatte dann aber Pech im Abschluss. So lief das Spiel vor sich hin, ganz Deutschland war happy, denn von Schweden kam überhaupt nichts. Wirklich nicht. So entstanden bis zum Seitenwechsel weitere Torchancen, vor allem Frings und Ballack wollten es bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchen – der eine, weil er das Gefühl des Traumtors wiederholen wollte, der andere, weil er überhaupt einmal treffen wollte. In der 35. Minute dann fast schon zu viel des Guten, Teddy Lucic verabschiedet sich frustriert mit Gelb-Rot vom Platz, selbst der Schiedsrichter konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Bei den Schweden dominierte nur ein Mann und das war Keeper Isaksson. Dieser war bei den Treffern machtlos, machte aber von da an alles richtig und verhinderte gekonnt mit Glanzparaden ein Schützenfest. Dann war die erste Halbzeit zu Ende, sie war die eindeutig beste Halbzeit seit Urzeiten.

Nach dem Wechsel wurde es etwas ruhiger, die Schweden hatten sich längst ergeben und die Deutschen mussten angesichts der 33° Außentemperatur und weit über 40° auf dem Rasen nicht mehr alles geben und wurden so nachlässig. Sieben Minuten waren gespielt, da läuft Metzelder etwas unkontrolliert in Larsson rein, den Elfmeter kann man geben, doch der Gefoulte selber schoss in unverkennbarer Hoeneß-Manier nicht nur zwei Meter über, sondern auch neben das Tor, der bei seinen wenigen Aktionen unsicher wirkende Lehmann musste sich nicht einmal bewegen. Damit nahmen die Schweden also die Chance zur Rückkehr nicht einmal auf dem Silbertablett an, viel schlechter kann man in einem WM-Achtelfinale nicht spielen und um keine Floskeln zu bemühen: da kam schon seeehr viel zusammen. Das sah wohl auch Trainer Lagerbäck so, der nach dem Spiel doch tatsächlich die Dreistigkeit besaß, über nicht näher genannte Schiedsrichterentscheidungen zu lamentieren. Deutschland war – man kann es nicht anders sagen – an diesem Nachmittag eine bis zwei Klassen besser, war auch im zweiten Durchgang immer wieder für Offensivaktionen zu haben, doch überwog bis zum Schlusspfiff dann doch die Handbremse. So kam Schweden dann doch noch zu seinen Chancen, wir agierten statt zurückhaltend phasenweise leichtsinnig, was aber selbst der Kaiser zu entschuldigen wusste, da nicht nur er weiß, dass bei anderem Spielverlauf diese Fehler nicht entstanden wären. Bis zum Schluss blieb es beim nie gefährdeten 2:0, weil Isaksson das Spiel seines Lebens ablieferte und so Schlimmeres verhinderte, der Pfosten dreimal im Weg war, aber auch, weil neben der Handbremse auch hier und da vorne zu sehr gezaubert werden sollte, was oft in unnötige Abspielfehler in letzter Konsequenz führte oder schlicht zu Weitschüssen in Richtung Isar. Doch solange die Jungs nicht überheblich werden, ist das verschmerzlich, Deutschland gewinnt dieses Spiel auf eine souveräne Weise, wie sie auch keine andere Nation, sei es Brasilien, sei es Argentinien, souveräner hinbekommen hätte.

Deutschland erlebte einen perfekten Nachmittag, hoffentlich war er nicht zu perfekt und die Spieler befinden sich schon jetzt auf dem Formzenit. Zur Leistung der Schweden lässt sich kaum etwas sagen, der Torwart war überragend, die stämmige Abwehr wurde mit gepflegtem Kurzpassspiel nach Belieben ausgehebelt, das Mittelfeld agierte lustlos und der Sturm? Ja, der war glaub ich auch auf dem Platz. Jetzt stellt sich die Frage, ob das starke deutsche Spiel dem schwachen Gegner geschuldet war. Ich denke nein, das war guter und solider Spaßfußball, die Reihen harmonierten und verschoben sich geschickt, jeder Spieler war mit dem Kopf bei der Sache und suchte die Räume und auch dieser letzte Blick für die teils unmöglich aussehenden Pässe war vorhanden. In dieser Form müssen wir uns vor keinen verstecken – und das ist diesmal nicht das gewohnte Starkreden und Hochjubeln. Der Fußball hat überzeugt, nicht das Ergebnis. Dazu kommt dann natürlich die Euphorie von den Rängen, ganz Deutschland steht hinter Klinsmann, doch eins dürfen wir nicht übersehen: nur ein einziges Mal stand Deutschland bei einer WM nicht unter den letzten Acht – und das war 1938, da regierten noch die Nazis. Heißt also: eine Niederlage hier und heute wäre das schlechteste Abschneiden seit dem Krieg gewesen, kaum einer hätte das zur Kenntnis genommen. Am späten Abend stellte sich dann heraus, dass im Viertelfinale mit Argentinien das Team auf die Klinsmänner wartet, das bis 17:00 Uhr am meisten überzeugen konnte. Doch nicht nur der matte Eindruck gegen Mexiko änderte diese Kräfteverhältnisse, Deutschland ist da und Deutschland geht mindestens einmal mit 50:50 Chancen in dieses Spiel, der Rest wird sich zeigen. „Argentinien soll kommen, wir haben keine Angst“, tönte Klinsmann nach dem Spiel. Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

24. Juni 2006 - Marcel Hermes

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