England – Portugal 1:3 i.E.

Es bleibt dabei: England kann bei großen Turnieren kein Elfmeterschießen gewinnen. Im Viertelfinale gegen Portugal scheiterten die Three Lions einmal mehr an der letzten aller Entscheidungsfindungen. In 120 Minuten war zuvor kein Tor gefallen, zudem musste England ab der 62. Minute mit einem Mann weniger auskommen, Rooney wurde des Feldes verwiesen. Im Elfmeterschießen vergaben Lampard, Gerrard und Carragher.

Portugeil! Ricardo sorgt für englisches Elfmeter-Aus, das für 120 ereignisarme Minuten entschädigt

Wie im Viertelfinale der Europameisterschaft 2004 wurde das Spiel zwischen England und Portugal erst im Elfmeterschießen entschieden. In den 120 Minuten zuvor gab es viel Kampf und Krampf, wobei die Engländer eine Stunde nur mit zehn Mann spielen mussten – Rooney sah die Rote Karte. Für die Fans von der Insel, von denen auch einige Tausend im Gelsenkirchener Stadion vor Ort waren und die ihre Mannschaft zum ersten Halbfinaleinzug seit der WM 1990 treiben wollten, dürfte es hochgradig spannend gewesen sein. Der deutsche Fernsehzuschauer dagegen dürfte es nicht einmal in der Verlängerung sonderlich spannend oder gar dramatisch gefunden haben. Ein müder Sommerkick am Spätnachmittag bei hohen Temperaturen eben. Ricardo avancierte schließlich zum Helden, der Keeper Portugals hielt drei Elfmeter, womit der Vize-Europameister erstmals nach 40 Jahren im Halbfinale steht, England ausscheidet und seinen Traum vom lang ersehnten Titel nun begraben muss! Die Portugiesen entwickeln sich so langsam zum Angstgegner für die Briten und konnten am Samstag einen Prestigeerfolg feiern, da auch einige Spieler der Iberer bei englischen Vereinen unter Vertrag stehen.

Englands Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson konnte beim Viertelfinale gegen Portugal wieder auf Neville bauen, der nach seiner Wadenverletzung zurückkehrte. Hargreaves rückte von der rechten Verteidigerposition vor ins defensive Mittelfeld. Carrick fiel im Vergleich zum 1:0-Erfolg im Achtelfinale über Ecuador aus dem “Three Lions“-Team. Im Sturm wurde Rooney nach Owens Kreuzbandriss im Spiel gegen Schweden lediglich von dem eher offensiv agierenden Gerrard unterstützt. Beim hart umkämpften, zeitweilig brutalen Achtelfinale der Portugiesen gegen die Niederlande (1:0) mussten Costinha und Deco beide mit Gelb-Rot vom Platz. Nationalcoach Luiz Felipe Scolari nominierte für die beiden gesperrten Petit und Tiago. Doch es war fraglich, ob man derart ersatzgeschwächt und ohne den Chelsea-Spieler sowie den Spielmacher vom FC Barcelona die Engländer würde niederringen können. Wenn doch, hätte man im Vergleich zur Euro 2004 die Niederlande und England in umgekehrter Reihenfolge ausgeschaltet. In der Anfangsphase erspielte sich der Weltmeister von 1966 ein leichtes optisches Übergewicht. Typisch englisch ließen die Kicker von der Insel den Ball zunächst im Mittelfeld laufen, um dann Rooney mit einem hohen Ball oder weitem Pass in Szene zu setzen. So war es der Youngster, der nach zehn Minuten mit dem ersten Weitschuss Ricardo prüfte. Der Keeper des Teams aus Südwesteuropa bestand diese Feuertaufe souverän. Ansonsten passierte schon von Beginn an nicht sonderlich viel.

Portugal fand dann aber besser in die Begegnung. Mit schnellem Pass-Spiel versuchte die Scolari-Elf das Umschalten von Abwehr auf Angriff zügig zu gestalten. So parierte Robinson einen Distanzschuss von Cristiano Ronaldo (11.), eine verunglückte Abwehraktion von Neville konnte Tiago nicht nutzen, da er aus kurzer Distanz nicht mehr an den Ball kam (14.). Hier handelte es sich indes nicht um wirklich zwingende Torgelegenheiten. Der Ball wurde in dieser Phase mitunter leichtfertig verloren und man verzettelte sich zunehmend in Einzelaktionen. Auch das Tempo ließ, sehr zum Missfallen der 52.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena ab der 35., 40. Minute merklich nach. Keiner wollte einen, möglicherweise schon entscheidenden Fehler begehen und es schien fast, als sei beiden Mannschaften eine Entscheidung im Elfmeterschießen – eine englische Domäne… – nicht unlieb. Anders als im portugiesischen Achtelfinalmatch kam es heute nicht zu wenigen harten sondern eher zu einer Reihe kleiner, versteckter Fouls, worunter etwas der Spielfluss litt und dem argentinischen Schiedsrichter Elizondo, bereits Leiter des Eröffnungsspiels, die Sache erschwert wurde. Immerhin gab es vor dem Wechsel noch einmal eine vorzügliche Gelegenheit, das Tor zu erzielen, welches dem Spiel so gut getan hätte, doch Kapitän Figos Schlenzer ging knapp am rechten Pfosten vorbei (40.). Das wollte auf der Gegenseite Lampard nicht auf sich sitzen lassen und probierte es in der 45. Spielminute seinerseits mit einem Distanzschuss, ohne aber Torhüter Ricardo ernsthaft in Gefahr zu bringen. Die Halbzeitpause hatte sich eigentlich keine der beiden Nationalmannschaften redlich verdient, allerdings wartete man auch nicht gerade sehnsüchtig darauf, dass es weiterging.

Doch Elizondo hatte kein Einsehen und so bat der Referee die Akteure nach einer viertelstündigen Unterbrechung wieder auf den Rasen. Wesentlich besser wurde es auch im zweiten Abschnitt nicht. Im Gegenteil: jetzt würde sich eine Unkonzentriertheit noch schwerwiegender auswirken und wer das nächste Tor erzielen würde, ginge vermutlich als Sieger aus diesem dritten Viertelfinale hervor. Anreiz genug müsste ein zu erwartendes Halbfinale gegen Brasilien eigentlich sein, dennoch war das auf dem Rasen dargebotene mit „Magerkost“ vorsichtig umschrieben. Zu allem Überfluss war die Begegnung für Englands schillernden Spielführer Beckham aufgrund einer Verletzung bald darauf zu Ende. Schon nach 52 Minuten musste der Freistoß-Spezialist nach gezeigter durchschnittlicher Leistung für den jungen Lennon vom Feld. Die Eriksson-Elf ging engagierter zu Werke, baute wieder mehr Druck auf. Eine Gerrard-Ecke nahm in der 54. Minute Terry direkt per Volley-Schuss, aber der Aufsetzer flog über den Kasten von Ricardo. Gerade als die Insel-Kicker mehr Torgefahr entwickelten, schwächten sie sich selbst: Rooney und Ricardo Carvalho verhakten sich bei einem Zweikampf im Mittelfeld ineinander. Der englische Stürmer wollte sich befreien und versetzte dem Portugiesen genau vor den Augen des Unparteiischen einen Tritt. Dieser zögerte nicht lange und zückte die Rote Karte (62.). Bei dieser Szene soll im Übrigen Portugals Cristian Ronaldo den Schiedsrichter auf das Vergehen seines Mannschaftskameraden von Manchester United aufmerksam gemacht haben. Die Briten zeigten sich davon wenig schockiert, sie kämpften füreinander und ließen ihrem Kontrahenten wenig Platz vorm eigenen Strafraum.

Entscheidend wirkte sich die numerische Unterzahl auch nicht aus, denn ob nun vorne ein Rooney herumsteht und auf Bälle wartet oder nicht, Wayne interessiert‘s? Die Iberer jedenfalls mühten sich in der Folge bei elf gegen zehn merklich ab, nahmen das Heft in die Hand, ohne jedoch einmal auf die Idee zu kommen das Tempo spürbar zu erhöhen und die Engländer ans Laufen zu bekommen. Portugal versuchte den Gegner auszuspielen, sich zurechtzustellen, eine Taktik die jedoch bis zum Schluss der regulären Spielzeit nicht von Erfolg gekrönt war. Nur noch zwei Chancen weckten den Zuschauer aus seinem Spätnachmittagsschlaf auf: Zuerst war es Figo, der mit einem scharfen Schuss vom rechten Strafraumeck Keeper Robinson zu einer Parade zwang und der England im Spiel hielt (79.) und vier Minuten später ließ Ricardo einen hart geschossenen Freistoß aus gut 25 Metern abprallen, doch der Nachschuss von Lennon wurde eine sichere Beute des Torhüters von Sporting Lissabon. Zwar dominierten die Roten die Endphase der regulären 90 Minuten, brachten auch noch Angreifer Postiga für Mittelfeldspieler Figo und ließen das Leder ganz gut zirkulieren ohne sich weitere Chancen herauszuarbeiten. Die Verlängerung, eigentlich logische Folge des bisherigen Verlaufs, überspringen wir einmal, denn bis auf zwei Alibischüsse von Petit und Simao machten die Mannschaften keinen Hehl daraus, es nur auf die Elfer-Lotterie abgesehen zu haben.

Mitleid dürfte man mit dem portugiesischen Team indes im Falle eines dortigen Ausscheidens nicht haben, denn die Südwest-Europäer hatten es vorher ziemlich genau eine Stunde lang in Überzahl selbst in der Hand und versuchten nicht alles um vorher eine Entscheidung herbeizuführen. Oder sie verließen sich auf Schlussmann Ricardo, seines Zeichens bereits 2004 der große Elfmeterheld, bzw. auf das bekannte, beinahe an die Schweizer erinnernde englische Elfmeterschießen-Problem. Wie dem auch sei, Ricardo riss die Angelegenheit wieder einmal aus dem Feuer und parierte bei Portugals allererstem WM-Elfmeterdrama gleich drei Strafstöße und führte zumindest die aktiven Spieler zu ihrem größten Erfolg mit der Nationalelf. Der Tormann hielt gegen die sicheren Strafstoßschützen Lampard und Gerrard sowie gegen Carragher, während auf portugiesischer Seite erst Viana und dann Petit den linken Pfosten trafen. Ein verwandelter Elfer von Bayern Münchens Heargreaves, der heute bester englischer Spieler war, reichte nicht um mit der „besten englischen Mannschaft seit 40 Jahren“ im Rennen um den zweiten großen Titel überhaupt zu bleiben. Einen solchen Titel hat das kleine Portugal überhaupt noch nie geholt, kann dies aber mit nicht mehr als zwei weiteren Siegen schaffen. Doch zuerst trifft man im Halbfinale auf den Sieger aus Brasilien-Frankreich und wenn sich die „Selecao“ etwas steigert, dürfte es in der Runde der letzten Vier nach Portugal-Angola in der Vorrunde mit Portugal-Brasilien zum zweiten portugiesischsprachigen Duell kommen. Einen Rekord hat Portugals Trainer Scolari jedenfalls schon sicher. Ausgerechnet mit den Brasilianern wurde er 2002 mit sieben Siegen Weltmeister und ließ nun 2006 fünf weitere folgen. Die Europäer werden sich für Scolaris Siege Nummer 13 und 14 in Serie gewiss auch noch steigern müssen.

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