Deutschland – Argentinien 4:2 i.E.

Nervenschlacht mit Happy End in Berlin: Im Elfmeterschießen besiegte die DFB-Elf Argentinien mit 4:2 und steht im Halbfinale der WM. Nach 90 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Die Führung der Gauchos durch Ayala aus der 50. Minute egalisierte Klose kurz vor Schluss. Nachdem auch die Verlängerung keine Sieger hervorgebracht hatte, musste das Elfmeterschießen über den Einzug ins Halbfinale entscheiden. Während auf deutscher Seite alle vier Schützen trafen, parierte Jens Lehmann gegen Ayala und Cambiasso.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein gewaltiger für Deutschland

Einmal mehr war es Gastgeber Deutschland vorbehalten, die nächste Runde der WM zu eröffnen. Diesmal also das Viertelfinale, der Gegner hieß Argentinien, Schauplatz war das Berliner Olympiastadion. Die Gauchos gehörten bis dato definitiv zu den stärksten Teams dieser Endrunde und stellten für die Klinsmann-Elf den ersten echten Prüfstein dar. Deutschland hatte sich nach der souverän überstandenen Vorrunde mit drei Siegen im Achtelfinale problemlos gegen Schweden mit einem 2:0-Erfolg behauptet. Argentinien gelang in der „Todesgruppe“ C der ungefährdete Aufstieg schon nach dem zweiten Spieltag, Glanzlicht dabei war ein 6:0 gegen Serbien und Montenegro. Etwas knapper wurde es im Achtelfinale gegen Mexiko. Erst in der Verlängerung konnte sich die Albiceleste durchsetzen. Maxi Rodriguez gelang ein absolutes Traumtor, welches das Weiterkommen sicherstellte. Argentiniens Startelf wies gegenüber dem Mexiko-Spiel drei Veränderungen auf. Tevez nahm den Platz von Saviola im Angriff neben dem Toptorjäger der Argentinier, Hernan Crespo (3 Tore), ein. Cambiasso musste Gonzalez ebenso weichen wie Scaloni Coloccini. Alles wie erwartet dagegen bei Deutschland: Ballack und Klose wurden von der medizinischen Abteilung rechtzeitig für fit erklärt, folglich kam exakt jene Elf zum Einsatz, die Schweden mit 2:0 bezwungen hatte.

Die Partie begann zerfahren und war von vielen kleinen Nickligkeiten geprägt, zahlreiche Unterbrechungen verhinderten, dass Spielfluss aufkam. Aus dem Spiel heraus passierte zunächst wenig. Der ersten Torschuss gab Lukas Podolski bei einem Freistoß ab (7.). Torhüter Abbondanzieri konnte diesen zwar abwehren, offenbarte dabei aber die erste von vielen kleinen Unsicherheiten, die noch folgen sollten. Ein Blitzstart wie in den Spielen gegen Costa Rica, Ecuador oder Schweden blieb Deutschland zwar verwehrt, mit der Anfangsphase konnte man aber dennoch zufrieden sein. Die Mannschaft zeigte keinen Respekt vor den Argentiniern, attackierte früh und erzwang damit eine Reihe von unnötigen Ballverlusten in den Reihen der Albiceleste. Nach etwas über einer Viertelstunde dann die erste Chance für den Gastgeber: Schneider, der eine starke Anfangsphase spielte (danach aber ebenso stark nachließ), flankte aus dem Halbfeld auf Ballack, dessen Kopfball nur Zentimeter am Tor vorbeiflog (16.). Wenig später zog Mertesacker aus 16 Metern aus der Drehung ab, sein Schuss ging über das Gehäuse (18.). Damit wären sämtliche Torchancen, die es im ersten Durchgang zu sehen gab, bereits abgearbeitet. Das soll aber nicht heißen, dass die Partie nicht trotzdem einen gewissen Unterhaltungswert besaß. Dieser speiste sich nicht aus packenden Torraumszenen, sondern aus der ungemeinen Intensität, mit der die Begegnung von beiden Seiten geführt wurde. Insgesamt hatte die DFB-Elf in Halbzeit eins ein leichtes Chancenplus zu verbuchen, für die Gauchos stand mehr Ballbesitz zu Buche. Dieser wurde aber zu wenig genutzt. Deutschland war anzumerken, dass man schnell und direkt nach vorne spielen wollte, es gelang aber viel zu selten die beiden Spitzen Klose und Podolski mit brauchbaren Zuspielen zu versorgen. Die Südamerikaner beschränkten sich bei Ballbesitz vornehmlich darauf, das Tempo zu verschleppen. Erfolgsverprechende Angriffe wurden zumeist über die linke Seite mit dem sehr offensivfreudigen Sorin initiiert, der es aber ebensowenig wie der blasse Regisseur Riquelme schaffte, den finalen Pass an den Mann zu bringen.

Halbzeit zwei begann mit auf beiden Seiten unverändertem Personal und einem gehörigen Schock für Deutschland. Nach einem Eckstoß von Riquelme köpfte Abwehrchef Ayala, von Klose nur unzureichend gedeckt, zum 1:0 ein (49.). Effektivität ist das passende Wort an dieser Stelle, denn auch in den ersten Minuten nach dem Seitenwechsel hatte Argentinien keinerlei Torgefahr erzeugt. Für die deutsche Mannschaft war diese Situation ganz neu – bisher war man bei dieser WM noch nicht in Rückstand geraten. Doch das Team erholte sich rasch und versuchte umgehend, zu antworten. Die Argentinier agierten verständlicherweise weiter so zurückhaltend wie zuvor, es war früh abzusehen, dass die Albiceleste nicht mit allen Mitteln ein zweites Tor und die damit verbundene Vorentscheidung erzwingen wollte. Auch nach der Einwechslung von Odonkor (für Schneider) tat sich Deutschland schwer, Mittel gegen den gegnerischen Defensivverbund zu finden. Nach einer Ecke kam Ballack in vielversprechender Position an den Ball, sein Schuss wurde aber abgeblockt, den anschließenden Kopfball des Kapitäns parierte Abbondanzieri mühelos (64.). Es war eine der letzten Aktionen des Torhüters, der sich bei einem Zusammenprall mit Klose verletzte und 20 Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit gegen Leo Franco ausgetauscht werden musste. Auf diesen ersten Wechsel ließ Pekerman gleich den nächsten folgen, der eindeutig defensiv orientierte Cambiasso ersetzte Riquelme, der bis auf den Eckball, der zum Tor führte, kaum Akzente setzen konnte. Diese Maßnahme zeigte eindeutig, dass man das Ergebnis über die Zeit retten wollte. Fast wäre Argentinien sogar das 2:0 gelungen: Lahm leistete sich einen schlimmen Fehlpass zu Tevez. Der Stürmer zog zwei Deutsche auf sich und bediente Maxi Rodriguez, der das Außennetz traf (73.). Deutschland lief die Zeit langsam, aber sicher davon. Klose kam am Fünfmeterraum zum Schuss und wurde abgeblockt (79.). Wenige Augenblicke später war es eben jener Miroslav Klose, der ein ganzes Land erlöste. Ballack flankte auf Borowski, der den Ball auf Klose verlängerte. Der Bremer Torjäger setzte sich gegen seinen Bewacher Sorin durch und traf per Kopf zum 1:1 (80.). Pekermans Plan, mit einer defensiven Ausrichtung den Vorsprung ins Ziel zu bringen, war über den Haufen geworfen, hinzu kam, dass er keine Möglichkeit mehr hatte, mit einem Wechsel auf die neue Situation zu reagieren und sein Team für die anstehende Verlängerung neu einzustellen. Beinahe wäre das auch nicht nötig gewesen. Lahm attackierte Rodriguez im Sechzehner, Schiedsrichter Michel wertete die Aktion als eine Schwalbe des Argentiniers (88.) – eine Entscheidung, über die zumindest diskutiert werden darf. Lucho Gonzalez zwang Lehmann zu einer tollen Parade, der Treffer hätte wegen Abseits aber nicht gezählt (89.). Alles in allem war das Remis nach 90 Minuten verdient, Deutschland bewies eine tolle Moral und ließ sich von dem Rückstand nicht unterkriegen, während die Südamerikaner es verpassten, auf ein zweites Tor hinzuarbeiten und dafür letztendlich mit Kloses Ausgleichstreffer bestraft wurden.

Beide Trainer hatten ihr Wechselkontingent in der regulären Spielzeit ausgeschöpft. Somit musste auch Michael Ballack auf dem Feld bleiben, obwohl der Kapitän sichtlich angeschlagen war. Vor beiden Toren passierte wenig. Metzelder köpfte nach einer Ecke von Neuville drüber (102.), Gonzalez schoss volley am Tor vorbei (105.). Nach dem neuerlichen Seitenwechsel waren es die Argentinier, die den Ton gegen nun sehr tief stehende (weil nach Ballacks Verletzung de facto in Unterzahl agierende) Deutsche angaben. Ein unplatzierter Distanzschuss von Tevez verlangte Lehmann keine Glanzleistung ab (106.). Der Torhüter war mit Fortuna im Bunde, als er bei einem aus dem Mittelfeld abgegebenen Schuss von Coloccini nicht eingriff, sondern das Spielgerät auf die Latte tropfen ließ (115.). Nachdem die halbstündige Extraschicht keinen Sieger hervorgebracht hatte, war das Elfmeterschießen unausweichlich. Neuville und Ballack hatten für Deutschland getroffen, Cruz für Argentinien, Lehmann hielt gegen Ayala. Damit war die DFB-Elf im Vorteil und behielt diesen auch, weil Podolski und Borowski keine Nerven zeigten. Der vierte Schütze der Argentinier, Cambiasso, musste treffen. Doch Lehmann hatte das bessere Ende für sich und parierte Cambiassos Versuch. Nach dem Elfmeterschießen kam es noch zu einigen unschönen Szenen. Argentinies Cufre hatte Mertesacker mit einem Tritt niedergestreckt und sah dafür nach Spielende Rot.

Der Siegeszug der Deutschen bei dieser WM fand in Berlin seine Fortsetzung. Die Klinsmann-Elf verdiente sich den Einzug ins Halbfinale mit 120 Minuten aufopferungsvollem Kampf, toller Moral und dem am Ende nötigen Quäntchen Glück. Jürgen Klinsmann darf sich in seiner Entscheidung für Jens Lehmann und gegen Oliver Kahn bestätigt fühlen – schließlich war es der Torhüter, der im finalen Shoot-Out zum Helden avancierte. In der Vorschlussrunde geht es am Dienstag in Dortmund gegen den Sieger aus dem Duell Ukraine gegen Italien, das in Hamburg stattfindet.

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