Brasilien – Frankreich 0:1

Der Titelverteidiger verlässt genauso enttäuschend die WM-Bühne wie er sie betreten hat, Brasilien verabschiedet sich mit einer desolaten Leistung gegen Frankreich vom Turnier in Deutschland. Der Sieger des Abends sind also die Franzosen, Zinedine Zidane war der überragende Mann des Spiels, bereitete den 1:0-Siegtreffer von Henry vor. Für die Selecao bleibt nur der bittere Weg zurück nach Südamerika, die Vorrundenleistungen haben also doch nicht getäuscht.

Aus einem 3:0 vor acht Jahren wurde ein 1:0 – an den Kräfteverhältnissen beider Teams änderte sich aber nichts

Das letzte Viertelfinale der WM im eigenen Land stand an, der Weltmeister bat seinen Vorgänger zum Tanz und wollte sich ganz gerne für die 0:3-Finalklatsche von 1998 revanchieren. Brasilien gegen Frankreich, Fußballkost vom Feinsten, dabei hatten beide Teams vor dem heutigen Tag erst zwölfmal gegeneinander gespielt. Mit fünf Siegen hat Brasilien die Oberhand, doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Franzosen nicht gerade zu den Lieblingsgegner gehören, so gab es nach dem Endspiel ein 1:2 im Confed Cup und vor zwei Jahren anlässlich der 100. FIFA-Geburtstag ein müdes 0:0. Doch all das ist Schnee von gestern, die Turnierleistung beider Teams ist da wichtiger und die sieht hüben wie drüben nicht allzu rosig aus. Frankreich überstand mühevoll die Vorrunde, konnte sich dann aber gegen die favorisierten Spanier deutlich steigern, während Brasilien die Vorrunde lässig abhakte und auch Ghana irgendwie wegputzte, dabei allerdings maximal fünfzehn Minuten insgesamt guten Fußball zeigte. Der Rest war ein arrogantes Runtergekicke und die Welt fragt sich, ob die Brasilianer einfach nicht mehr können oder aber nur mit den Gegner spielen und immer nur genau so viele Körner wie nötig verpulvern, um im Finale dann groß aufzutrumpfen. Die Aufstellung der Selecao offenbarte zwei Überraschungen, so bot Parreira nicht die gewohnte von 1 bis 11 nummerierte Stammelf auf, sondern vertraute Gilberto Silva für Emerson und nahm für den Stürmer Adriano den Mittelfeldmann Juninho in die Mannschaft auf, eine Maßnahme die er nach einer Stunde dann aber verzweifelt rückgängig machte. Die Marschrichtung war also vermehrt die Absicherung, scheinbar fürchtete man sich vor der französischen Offensivabteilung mit dem zurückgezogenen Zidane hinter Henry – eine Furcht, die durchaus berechtigt war, wie sich herausstellen sollte.

Die Anfangsphase gehörte dem Rekordweltmeister, der entgegen seiner nominellen Aufstellung Druck macht und mit Ronaldinho im Sturm neben Ronaldo das Tor suchte. Juninho setzte einen ersten Warnschuss neben das Tor von Fabien Barthez, Ronaldo bekam seinen Kopf nicht ausreichend hinter den Ball. Die 48.000 Zuschauer in Frankfurt spürten, dass Brasilien sich durchaus bewusst war, dass hier und heute kein Trainingsspiel stattfinden würde. Die Selecao agierte forsch und auf den frühen Treffer aus, doch als dieser auch nach einer Viertelstunde nicht fiel, wurde das Tempo rausgenommen und Frankreich kam immer besser in dieses Viertelfinale. Die Taktik dominierte das Geschehen auf dem Platz, ein gewonnener Zweikampf war mehr wert als ein Torschuss und so blieb für die Zuschauer weltweit vorerst wenig zu begutachten übrig. Erst nach runde 35 Minuten entstanden die nächsten nennenswerten Aktionen, die Franzosen durchbrachen den Mittelfeldkampf mit einigen Offensivansätzen, durchbrachen dabei aber die auf den Außenbahnen unsicher Abwehr nur unzufrieden stellend. Von Brasilien war immer weniger zu sehen, der Masterplan von Parreira schien nicht aufgegangen zu sein und ehe man jetzt wirklich einmal Fußball spielen sollte, wäre es doch sicher ratsamer, einfach wieder in die tiefe Lethargie zu verfallen und das Spiel einzig durch das schelmische Grinsen von Ronaldinho attraktiv zu gestalten. Frankreich kam in Minute 38 zur einzig wirklich gefährlichen Torchance der ersten Hälfte, Zidane bringt einen Freistoß in die Mitte und Malouda köpft mehr in Richtung Himmel denn Boden, sodass das Spiel mit einem Balljungen weiterging. Es tat sich nichts mehr, die Partie befand sich technisch wie kämpferisch auf höchstem internationalen Niveau, zunächst diktierte Brasilien das Geschehen, dann aber zog man sich immer mehr zurück und so hätte sich Frankreich kurz vor dem Wechsel fast den Treffer verdient.

Nach dem Seitenwechsel schwenkten die Spielanteile und damit auch die Torchancen deutlich auf französische Seite um, von Brasilien kam fast nichts mehr. Es brach die Zeit des Zinedine Zidane an, der für das letzte Vorrundenspiel gesperrt war und so um ein Haar sein letztes Spiel im blauen Dress bei einer Auswechslung gegen Südkorea gehabt hätte. Doch alles kam anders und jetzt brillierte der Altstar in einem WM-Viertelfinale gegen den amtierenden Weltmeister. Immer wieder war es Zidane, der sich die Bälle holte und seine Mitspieler vor dem Tor einzusetzen suchte, unterstützt wurde er von hinten vom kaum schwächer spielenden Vieira, in dessen Leistung sich nun Makélélé, Ribéry oder auch vorne Henry glanzvoll einreihte. Der Triumphzug begann mit einer ähnlichen Aktion wie dem Kopfball von Malouda, nur diesmal war es Vieira, der einen Ball von Zidane über das Tor hebt. Jede andere Mannschaft hätte sich nun geschockt gezeigt, aber Brasilien ist da anders, Brasilien zeigte sich eher wie Ottfried Fischer nach einem Witz. Oder einem Satz. Oder einer Frage. So ganz weiß man das ja nie. Kurzum: Brasilien spielte weiter wie in den vier Spielen zuvor auch. Der Fußballgott hätte Unrecht getan, hätte er nicht die 57. Minute folgen lassen und mit ihr das Gegentor für Brasilien. Zidane bringt seinen gefühlten 28. Freistoß in den Strafraum, drei brasilianische Zauberfußball gehen halbherzig mit, fünf bleiben am Strafraumrand stehen, zwei sind irgendwo Caipirinhatrinken und Torwart Dida ist dann gegen den Schuss von Thierry Henry machtlos. Jetzt war Brasilien erstmals in diesem Turnier gefordert, alle Welt glaubte nun an wütende wie durchschlagende Angriffe über das magische Viereck, aber denkste – spielbestimmend war weiterhin Frankreich. Es folgten zwei bis drei recht gute Tormöglichkeiten für die Equipe Tricolore, von brasilianischer Gegenwehr war wenig bis gar nichts zu sehen. Bis zur 70. Minute machte Frankreich dann weiter Druck, kam aber nicht mehr so recht in Tornähe und leistete sich sodann den Luxus, gegen den Rekordweltmeister zwanzig Minuten lang ein 1:0 zu halten. Spätestens jetzt hätte man von den südamerikanischen Stars ein paar Kreativaktionen erwarten können, es muss ja nicht immer zaubern sein, aber das Kämpfen ist das Spiel der Brasilianer nicht und so ergab man sich fast schon reumütig seinem Schicksal. Kurz vor dem Schlusspfiff wurde es für Barthez dann noch zweimal eng, aber der Ausgleich hätte kaum die Kräfteverhältnisse rechtfertigen können.

Für Frankreich bedeutet der 1:0-Erfolg den neuerlichen Schritt in ein WM-Halbfinale. 2002 war man noch kläglich in der Vorrunde gescheitert, nun aber schlug man mit Spanien und Brasilien zwei der am stärksten eingeschätzten Teams und muss sich nun auch nicht vor Portugal verstecken. Brasilien hingegen reist aus Deutschland ab, hatte nicht mehr drauf als das bisschen Ballgeschiebe und wäre vielleicht bei einem stärkeren Gegner schon im Achtelfinale gescheitert. Vor dem Turnier traute man der Mannschaft alles zu, sie schien zusammen gewachsen zu sein und glänzte mit Visitenkarten, die in der Fußballwelt ihres gleichen suchen. Dann konnte man auch schwache Spiele verzeihen, nur der Sieg zählte und es wurde der Eindruck eines Bayern München verbreitet. Nur als dann der erste starke und ernst zu nehmende Gegner kam, brachte Brasilien nicht mehr als zuvor zustande, wollte nach gutem Start mit wenig spielerischen Mitteln einen Minimalistensieg einfahren, hatte da dann aber die Rechnung ohne ein wieder erstarktes Frankreich gemacht. Nach dem Gegentreffer hatte man eine halbe Stunde Zeit, um endlich einmal zu überzeugen und sich gegen die Niederlage zu stemmen, doch die Marschrichtung blieb die gleiche. Dieser Mannschaft war es ohne Anzeigentafel nicht anzusehen, ob sie gerade ein 4:0 nach Hause fuhr oder wie heute in einem Viertelfinale zurücklag und das hat ihr letztlich das Genick gebrochen. Unzweifelhaft können die Spieler mehr und es wäre vermessen zu behaupten, dass Brasilien keine gute Mannschaft wäre, aber fest steht, dass die WM 2006 für die brasilianische Elf zu Enttäuschung wurde – genauso wie sie selber es für uns wurde.

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